Im 15. Jahrhundert, am Übergang zur Neuzeit, erklärt einer der bedeutendsten Kunsttheoretiker, Leon Battista Alberti, das Bild sei „ein offenes Fenster“ („una finestra aperta“), durch das der Betrachter auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit blickt. Der Realraum vor dem Bild und der Bildraum der dargestellten Wirklichkeit sind unmittelbar miteinander verschränkt. Diesem jahrhundertealten Konzept kehrt die Moderne den Rücken zu; so scheint es jedenfalls auf den ersten Blick.

Der Weg der Abstraktion im 20. Jahrhundert geht mit einer Konzentration auf die malerischen Mittel einher und es stellt sich die Frage, wie sich der Verzicht auf figurative und erzählerische Elemente auf die Bildwahrnehmung auswirkt. Welche Rolle wird dem Betrachter zugewiesen, wenn die Leinwand nicht mehr als „ein offenes Fenster“ fungiert? In sieben Kapiteln verfolgt die aus der Museumssammlung kuratierte Ausstellung Bild und Blick. Sehen in der Moderne die Herausforderungen, die das 20. Jahrhundert für den Rezipienten bereithält. Ausgehend vom den zwei gegenständlichen Motiven Fensterbild und Portrait, die den Standpunkt des Betrachters eindeutig definieren, konzentriert sich die Ausstellung im Besonderen auf die sich darstellenden Möglichkeiten der Abstraktion: Die Nichtfarbe Weiß thematisiert das Sehen selbst und fordert damit die erhöhte Aufmerksamkeit des Rezipienten, dessen Blick allerdings auch mithilfe von unterschiedlichsten Farbrhythmen aktiviert und nahezu überfordert werden kann. Diese innere Bewegung wird daneben in eine äußere überführt und die Rezeption des Kunstwerks untrennbar mit dem Betrachterverhalten vor diesem verknüpft. Abschließend widmet sich ein Raum der Kontemplation vor dem Bild und dem Vorstoß in die Unendlichkeit.

Mit Werken von Otto Freundlich, Raimund Girke, Gotthard Graubner, František Kupka, Adolf Luther, Piet Mondrian, François Morellet, Jackson Pollock, Michael Raedecker, Karl Schmidt-Rottluf und anderen. Quelle: Wilhelm-Hack-Museum

Kuratorin
Julia Nebenführ